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KLEINE GESCHICHTE DES HOTEL WALDHORNS

Am Marienplatz 15, wo heute das „Waldhorn“ steht, zog einst eine mächtige Stadtmauer schützend um die alte Reichsstadt Ravensburg. Die Zeiten änderten sich, 1366 fielen die Mauern und auf ihrem Grund und mit ihren Steinen entstanden Häuser. Eines davon war das Haus des Gallus Walch, einem Seilmacher, der 1471 hier als Bewohner erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Ravensburger Stadtprospekt von 1625, Ausschnitt Rinderviehmarkt

Ravensburger Stadtprospekt von 1625, Ausschnitt Rinderviehmarkt

Um 1497 wechselte das Haus in den Besitz des Michel Pfau, einem Hutmacher. Es wird angenommen, dass das Haus schon zu diesem Zeitpunkt Gäste bewirtete, da vor dem Haus Samstags der Rinderviehmarkt abgehalten wurde.

Ab 1558 ist das Haus als Wirtshaus „Zum Kopf“ belegt, da dort urkundlich „gesoffen, geschrien, gepfiffen und getanzt bis um 4 Uhr in der Früh“.

Von Simon Brieer, einem Bäcker, und seiner Ehefrau, der 1603 das Haus besaß, bewahrt das Stadtarchiv Ravensburg eine Abbildung auf.

Wirtepaar Brieer mit Brezel, 4 Wecken und Becher

Wirtepaar Brieer mit Brezel, 4 Wecken und Becher

Unter dem Hausbesitzer Caspar Wüst erfolgte 1737 die Umbenennung in „Stadtwirtschaft“. Seit 1789 ist das Haus als Viehmarkt 609 in den Grundbüchern verzeichnet.

1858 erwarb das Haus Friedrich Bechtle, der es „Waldhorn“ taufte und ihm als Wahrzeichen ein Waldhorn gab.

Waldhorn-Gründerehepaar Lorenz und Anna Maria Dressel

Waldhorn-Gründerehepaar Lorenz und Anna Maria Dressel

Am 1. Dezember 1860 kaufte Lorenz Dressel, der Ahnherr der jetzigen Besitzer, mit seiner Frau Anna Maria, geb. Edel, das Anwesen. Er war ein Mann aufrechten Sinnes und voller Tatkraft. Er besaß bereits 1852 die Konzession zum Weinausschank in seiner Weinberghütte im Zogenfeld. Seine Vorfahren hatten seit 1618 das Bürgerrecht in der Reichsstadt Ravensburg. Sie waren damals in die Zunft der Rebleute aufgenommen worden.

Zunftscheibe der Rebleute, 18. Jhd.

Zunftscheibe der Rebleute, 18. Jhd.

Daß Lorenz Dressel wohl befähigt war, eine Gaststätte zu führen, zeigt das Aufblühen des Hauses. Die Gaststube erfährt unter der kunstfertigen Hand seines Sohnes Josef, der als akademischer Bildhauer in München wirkte, eine Umgestaltung und wird zur sehenswerten Altdeutschen Weinstube.

Altdeutsche Weinstube, um 1880

Altdeutsche Weinstube, um 1880

Ein Nebengemach, der vielgerühmte „Affenkasten“, lud zu vertraulichen Gesprächen ein.

Als Lorenz Dressel die Gaststätte 1876 an seinen Sohn Johannes übertrug, war das „Waldhorn“ bereits ein Haus von Ruf.

Johannes Dressel mit Kinder Albert, Maria und Josefine, um 1890

Johannes Dressel mit Kinder Albert, Maria und Josefine, um 1890

Den Fleiß des Vaters erbte der Sohn. 1892 richtete er das elektrische Licht ein. In Ravensburg fehlte ein Saal zu größeren Festlichkeiten. Johannes Dressel, Waldhorn-Wirt und Kaminfegermeister, baute ihn 1884.

Großer Waldhornsaal, um 1920

Großer Waldhornsaal, um 1920

1896 erstand ein geräumiger Keller und das fließende Wasser kam ins Haus. Leider war dem Schaffensdrang dieses Mannes durch seinen Tod 1898 ein frühes Ende gesetzt. Seine Witwe Veronika, geb. Miller von Oppeltshofen sprang mit beispiellosem Mut und der ihr eigenen resoluten und humorvollen Art ein. Ein gutes Stück Geschichte der Stadt Ravensburg hat sich in ihrem Hause abgespielt, das sie fast 40 Jahre führte.

Veronika Dressel mit Gästen, um 1890

Veronika Dressel mit Gästen, um 1890

1912 verheiratete sich ihr Sohn Albert mit Frau Hilda, geb. Haag. Die Mutter legte nun die Geschicke des „Waldhorns“ in deren Hände. Albert Dressel, der bestens ausgebildete Hotelier, erhob den Gasthof „Waldhorn- zum Hotel. Mit Frau Hilda wußte er sein Haus über die Kriegszeiten hinüberzuretten.

Albert und Veronika Dressel, um 1925

Albert und Veronika Dressel, um 1925

Albert Dressel, Inhaber des Führerscheines Nr. 1 des Oberamtes Ravensburg, gründete 1908 die Bezirksgruppe Oberschwaben des ADAC. Unvergeßlich ist allen, die Albert Dressel kannten, seine Selbstlosigkeit und immer gewährte Hilfsbereitschaft.

Luxusaussichtswagen bei Oberstaufen/ Allgäu

Luxusaussichtswagen bei Oberstaufen/ Allgäu

Da der einzige Sohn, Hans Dressel, im Zweiten Weltkrieg fiel, übergab der Vater seiner Tochter Veronika und ihrem Manne Henri Bouley 1950 das Geschäft. Beide in der Gast¬ronomie ausgebildet, nehmen sich die Tüchtigkeit ihrer Vorfahren zum Vorbild.

Henri und Veronika Bouley-Dressel mit Kindern Hans-Heiner, Albert, Reinhard, Veronika und Andreeas, um 1965

Henri und Veronika Bouley-Dressel mit Kindern Hans-Heiner, Albert, Reinhard, Veronika und Andreeas, um 1965

Das alte Haus entsprach nicht mehr den Anforderungen der Zeit. Mit dem Lebensmut der Jugend packten beide 1952 bis 1957 den Um- und Aufbau an. Während dieser Zeit wurde das Hinterhaus mit Gästezimmern aufgestockt, das Erdgeschoss umgestaltet und eine neue Hausfassade geschaffen.

Neue Hausfassade (Arch. H. Wurm) um 1955

Neue Hausfassade (Arch. H. Wurm), um 1955

 

 

 

 

Zahlreiche prominente Gäste nahmen Unterkunft in den 1950er und 1960er Jahren im „Waldhorn“ und genossen die Gastlichkeit des Hauses und die französische Küche von Henri Bouley.

 

 

 

 

„Waldhorn“-Gästebuch mit Einträgen von P. Alexander,1963 und L. Trenker, 1961

„Waldhorn“-Gästebuch mit Einträgen von P. Alexander, 1963 und L. Trenker, 1961

Ab 1975 übernahmen Sohn Albert mit Frau Brigitte Bouley, geb. Frommelt das über die Region hinaus bekannte Hotel und Restaurant „Waldhorn“. Seine erste Berufsstation führte Sohn Albert als Lehrling in den Buchhorner Hof in Friedrichshafen und in prominente Hotels und Restaurants in der Schweiz. An der Hotelfachschule Berlin bereitet er sich auf die Geschäftsübernahme vor.

Albert und Brigitte Bouley mit „Waldhornteam“

Albert und Brigitte Bouley mit „Waldhornteam“

Unter Albert Bouleys Ägide gehörte das „Waldhorn“ zur Spitzengastronomie seiner Zeit. 1990 und 2000 wählte ihn der führende Gastronomieführer „Gault-Millau“ zum Koch des Jahres.

Albert Bouley

Albert Bouley

Durch sein perfektes handwerkliches Können, gepaart mit großem Einfallsreichtum ist ihm eine Synthese zwischen Nouvelle Cuisine und regionaler kulinarischer Tradition gelungen.

Dies schlägt sich in den Bewertungen der Restaurant- und Hotelführer von „Varta“ – 3 Kochmützen, „Michelin“ – 1 Stern, „Gault-Millau“ – 19 Punkte, „Aral“ – 4 Bestecke und „Feinschmecker“ – 4 Punkte eindrucksvoll nieder.

In den 1990er Jahren eröffneten die „Waldhorn“-Promenade auf dem Marienplatz und die „Waldhorn“-Appartements in der Schulgasse

Albert und Brigitte Bouley waren glänzende Gastgeber von großen Persönlichkeiten, Politikern und Kulturschaffenden, die sich bei ihren Besuchen in Ravensburg immer im „Waldhorn“ aufhielten.

2005, Helmut Kohl, Bundekanzler und 2012, Herta Maria Müller, Literaturnobelpreisträgerin im „Waldhorn“

2005, Helmut Kohl, Bundekanzler und 2012, Herta Maria Müller, Literaturnobelpreisträgerin im „Waldhorn“

Nach langen Pachtbemühungen konnte die Seniorchefin des „Waldhorns“, Frau Veronika Bouley-Dressel, ihren langgehegten Wunsch 1991 mit der Eröffnung der Zunftstufe im Rebleutehaus erfüllen. Das Haus von 1469 wurde 2016 von den Brüdern Hans-Heiner, Reinhard und Andreas Bouley 2015 von der Stadt Ravensburg gekauft.

Seniorchefin Veronika Bouley-Dressel, 1991 bei der Eröffnung der Zunftstube

Seniorchefin Veronika Bouley-Dressel, 1991 bei der Eröffnung der Zunftstube

Das große Lebenswerk fand mit dem unerwartetem Ableben 2013 von Albert Bouley als 31. Gastwirt auf dem Haus seinen plötzlichen Abschluss. Seniorchefin Veronika Bouley-Dressel verstarb hochbetagt im selben Jahr.

Andreas Bouley und Patrizia Reichardt führten das „Waldhorn“ bis zur Schließung 2020 mit 160jähriger Familientradition und 550jähriger Gasthausgeschichte.

Umfangreiche Umbauarbeiten werden das „Waldhorn“ bis 2025 zu einem zeitgemäßen Wohnhaus mit Gastronomiebetrieb umgestalten. Die Altdeutschen Weinstuben und die historischen Räume und Säle haben in diesem Haus ihren angestammten Platz und die Gäste werden mit regionaler Küche bewirtet werden.

Der Leitspruch des „Waldhorns“: „Möchten alle, die im Waldhorn aus und eingehen, sich unter der jetzigen Generation so wohl fühlen wie einst und je“, soll seine Gültigkeit bewahren.

(Der Text wurde gemeinsam von Dr. Josefine Dressel und Reinhard Bouley verfasst. Beate Falk vom Stadtarchiv Ravensburg steuerte die Fakten zur Haus- und Personengeschichte bei. Die Bilder stammen aus dem Archiv der Familie Bouley-Dressel.)